Vielleicht musst du nicht erst heilen, um zu leben
- 4. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Ich glaube, wir haben uns ein bisschen verlaufen.
Nicht alle. Aber viele von uns.
Irgendwann haben wir begonnen zu glauben, das Leben würde erst dann richtig losgehen, wenn wir vorher noch etwas an uns repariert haben. Noch eine Erkenntnis. Noch eine Ausbildung. Noch ein Buch. Noch eine Wunde verstehen. Noch ein Muster auflösen.
Und natürlich steckt darin etwas Wertvolles.
Sich selbst zu begegnen kann heilsam sein. Sich zu verstehen kann Türen öffnen. Alte Geschichten dürfen angeschaut werden.
Aber manchmal frage ich mich:
Was wäre, wenn wir dabei etwas Wesentliches vergessen haben?
Was wäre, wenn das Leben die ganze Zeit vor der Tür steht und wartet, während wir drinnen noch versuchen, die Wohnung perfekt aufzuräumen?
„Gleich“, rufen wir nach draußen. „Ich muss nur noch kurz etwas klären.“
Das Verrückte ist:
Dieses „gleich“ kann Jahre dauern. Jahre, in denen Menschen sich vorbereiten. Auf die große Liebe. Auf die Selbstständigkeit. Auf Sichtbarkeit.
Auf den Moment, an dem sie endlich bereit sind.
Und irgendwann wird aus Vorbereitung ein Lebensstil. Da wird reflektiert. Analysiert. Verarbeitet. Transformiert. Und gleichzeitig wird immer weniger gelebt. Manche Menschen kennen jede ihrer inneren Verletzungen beim Vornamen. Aber sie wissen nicht mehr, wann sie zuletzt aus vollem Herzen gelacht haben. Nicht dieses höfliche Lachen. Nicht das kleine Schmunzeln.
Sondern dieses Lachen, bei dem du kurz vergisst, wie alt du bist.
Dieses Lachen, das dich völlig unprofessionell aussehen lässt.
Dieses Lachen, das keine persönliche Weiterentwicklung braucht.
Nur einen Moment Leben.
Versteh mich nicht falsch. Ich liebe Entwicklung. Sonst würde ich vermutlich nicht tun, was ich tue. Aber ich glaube, Entwicklung wurde an manchen Stellen zu einer neuen Form von Vermeidung.
Früher haben Menschen sich mit Arbeit abgelenkt. Heute lenken sich manche mit Selbstoptimierung ab. Das klingt nur deutlich bewusster. Man kann sich jahrelang mit sich selbst beschäftigen, ohne sich wirklich zu begegnen. Und irgendwann wird sogar Heilung zu einem Projekt. Zu einer Aufgabe. Zu einer To-do-Liste. Als würde am Ende irgendwo ein Zertifikat warten: „Herzlichen Glückwunsch. Sie sind nun offiziell fertig mit sich selbst.“
Spoiler:
Dieses Zertifikat gibt es nicht. Zum Glück. Denn stell dir vor, wie langweilig das wäre. Fertig. Abgeschlossen. Keine Überraschungen mehr. Keine Ecken. Keine Entwicklung. Nein.
Menschsein ist deutlich chaotischer. Und deutlich schöner.
Vielleicht geht es gar nicht darum, irgendwann vollkommen heil zu sein.
Vielleicht geht es darum, trotz deiner Unsicherheiten wieder am Leben teilzunehmen.
Mit dem Knoten im Bauch. Mit den offenen Fragen. Mit den Zweifeln. Mit der Stimme im Kopf, die gelegentlich immer noch Unsinn erzählt. Vielleicht geht es darum, trotzdem den Menschen anzusprechen. Trotzdem die Idee umzusetzen. Trotzdem loszugehen. Nicht weil die Angst verschwunden ist. Sondern weil das Leben wichtiger geworden ist als die Angst.
Denn ganz ehrlich:
Die meisten Dinge, nach denen wir uns sehnen, begegnen uns nicht im Warteraum. Nicht die Liebe. Nicht Lebendigkeit. Nicht Vertrauen. Nicht Mut.
Sie begegnen uns unterwegs.
Mitten im Ausprobieren. Mitten im Scheitern. Mitten in diesen Momenten, in denen wir denken: „Oh Gott. Das war vielleicht keine gute Idee.“ Und manchmal stellt sich genau dann heraus, dass es die beste Idee seit Langem war.
Vielleicht bist du also gar nicht kaputt. Vielleicht bist du einfach müde geworden von dem Versuch, endlich die perfekte Version deiner selbst zu werden. Vielleicht musst du nicht noch mehr an dir arbeiten.
Vielleicht darfst du dich wieder selbst einladen zu spielen. Zu lachen. Zu staunen. Zu leben.
Nicht irgendwann. Nicht nach dem nächsten Seminar. Nicht nach der nächsten Erkenntnis.
Jetzt.
Mitten in deinem unfertigen Leben.
Denn falls es dir noch niemand gesagt hat:
Das hier ist keine Generalprobe.
Das ist bereits die Vorstellung.



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